Von Sonnenblumen und Löwenzahnk

Ergreifend schön! Die Augen feucht, das Herz so weit.

Was für ein Tag! Seufzend lehnte sich Julia in ihrem Bett zurück. Er hatte schon hektisch angefangen, dieser Morgen, nachdem sie sich nicht beherrschen konnte und den neuen Roman mit ihrer Lieblingsfigur Vanessa schon gleich nach dem Weckerklingeln weiterlesen musste. Es war ja so spannend ! Und auf den Seiten gestern Abend hatte Vanessa ganz unverhofft die Bekanntschaft dieses schönen und auch noch so humorvollen unbekannten Mannes gemacht. Er hatte sie in einem Nebensatz mit der strahlenden Schönheit von van Goghs Sonnenblumen verglichen. Welch ungewöhnliches Kompliment ! Würde sie ihn wiedersehen ? Julia wünschte es ihr so ! Aber in ihrem wahren Leben hatte Julia ganz die Zeit vergessen und war viel zu spät in ihren Tag gestartet. Trotz Vollgas im Bad war sie nicht pünktlich gewesen und in die bereits laufende Teambesprechung geplatzt, in der sich gerade der neue Abteilungsleiter vorstellte. Es war ihr oberpeinlich und sie hatte – natürlich vergeblich – versucht, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Doch er hatte sie überrascht – in zweifacher Hinsicht: In ihrem Falle sehr nachsichtig und außerdem hatte er wundervolle große, weiße Zähne und war überhaupt ziemlich attraktiv! Aber das war jetzt nicht wichtig! Sie wollte wissen, wie es für Vanessa weiterging und sie hatte die Ahnung, dass sie sie in dieser Nacht noch lange begleiten würde ...

Umart von weichem Blütenblatt und Federwerk

Ein rosa Traum ! Das Sehnen nach dem Einen, Wahren.

... doch ans Lesen war nicht mehr zu denken. Sie hatte nur noch Markus, ihren Chef, im Kopf. Denn er konnte auch noch zuhören ! Das hatten sie gleich in diesem ersten Meeting mitbekommen. Er hatte ihnen allen das Du angeboten, es irgendwie spielend geschafft, die Kollegen zu öffnen und von Beginn an eine sehr herzliche Atmosphäre zu schaffen. Wirklich angenehm! Kein Wunder, dass er DAS Thema des Tages bei den Kopierergesprächen der weiblichen Teammitglieder war. Doch Julia hatte auch irgendwie ein komisches Gefühl. Sie glaubte, er wisse um diese Stärke und er setze sie allzu bewusst ein. Deshalb traute sie ihm nicht – leider hatte sie in den letzten Jahren zu viele Chefs kommen und gehen sehen. Und da gab es noch etwas anderes: Irgendwie erinnerte er sie an jemanden! Sie war sich nur noch nicht klar darüber, an wen!? Sie lehnte sich in ihren Kissen zurück und schloss die Augen. Komisch, sie dachte sonst selten an die Arbeit, wenn sie zu Hause war, aber heute hatte sie kaum etwas anderes im Kopf. Und es belastete sie keiner Weise! Im Gegenteil, die Bilder des Tages strömten nur so auf sie ein, alle die Gelegenheiten, an denen sie nochmals mit Markus zusammengetroffen war und alle Gespräche, die sich an diesem Tag um ihn gedreht hatten. Wenn sie ehrlich zu sich war, genoss sie diese Erinnerungen, die wie Federn durch die Luft schwebten und sie gab sich ihnen hin – mit einem wohligen Gefühl.

Klare Linien am Horizont der Sehnsucht

Die Aussicht: Glück verheißend ohne Ende.

War es etwa Liebe auf den ersten Blick? Bei Vanessa, ihrer Romanheldin war das keine Frage, hier gab es so etwas natürlich. Doch im wahren Leben? Julia wusste plötzlich, was sie wollte. Ganz klar stand dieses Bild vor ihren Augen. Dieser Mann war nicht nur aus reinem Zufall in ihr Leben getreten. Es musste Schicksal sein! Und sie wollte dieses packen – so wie Vanessa in ihrem neuesten Abenteuer. Nicht zweifelnd warten auf die eine oder andere Gelegenheit. Hier musste sie sich trauen ! Aber konnte sie sich wirklich trauen? Bisher war es mit ihren wenigen Bekanntschaften, die sie hatte, eigentlich nie so richtig gut gelaufen. Wenn es länger ging, dann war es nicht selten ihre Trägheit gewesen, das ganze wieder zu lösen. Dabei war sie nicht übermäßig anspruchsvoll. Natürlich hatte sie ihre Vorstellungen von dem Mann in ihrem Leben, aber niemand sollte daran scheitern. Es musste eben nur der Richtige sein! Und Markus hatte ganz viele Signale ausgesendet, die sie ansprachen. Wahrscheinlich hatte er das noch nicht einmal bemerkt!? Aber es war so – und sie war sich sicher, dass dies bei ihm nicht nur eine Eintagsfliege war. Es wäre zu schön, ihn näher kennenzulernen, mit ihm zu reden, mehr aus seinem Leben zu erfahren. Wie toll der Gedanke, wenn er jetzt hier bei ihr wäre ! Wenn sie gemeinsam ein Glas Wein trinken würden, reden, den Sonnenuntergang betrachten, sich berühren ...

Honeymoon Glück im Quadrat

Traumreise. Mit dem Prinzen Arm in Arm?

... ja, das war ein schöner Gedanke. Sie könnte sich darauf einlassen, ohne Skrupel und Bedenken. Ihr Gefühl sagte ihr, dass er ein zärtlicher Mann und Liebhaber sein würde. Intelligent, gut aussehend, mit Geschmack. Und an der Seite eines solchen Mannes zu leben, war ein himmlischer Gedanke! Sie sieht Markus vor sich stehen, mit einer Rose in der Hand und einem kleinen Samtkästchen in der anderen. Sie sieht ihn vor sich niederknien und voller Zärtlichkeit zu ihr aufschauen. Sein Mund öffnet sich und sie schließt vor lauter Rührung und zitternd vor Erwartung ihre Augen. Sie werden gemeinsam die Welt entdecken ! Nicht dort, wo alle anderen meinen, hingehen zu müssen ! Sondern an den abgelegenen, geheimen Orten, wo sie für sich sein würden und sich allein genügen. Ist das nicht alles, was man zum Leben braucht? Wenn er sie fragt, sagt sie ja – ohne Zögern ! Das weiß sie. Warum auch nicht, denn sie fühlte ein Vertrauen, als ob sie sich schon ewig kennen und lieben würden?! Sie würde auf der Stelle mit ihm gehen, wo immer er hin wollte und ein neues, gemeinsames Leben mit ihm beginnen, ohne ihr altes zu verlassen oder aufzugeben. Er würde sie auf Händen tragen, das wusste sie, vom ersten Augenblick an, als ihr klar wurde, was er für sie bedeutete. Und sie würde es genießen, jeden Tag an seiner Seite, in ihrem Haus am See, mit den Freunden, mit den Kindern ...

Des Nachts sind alle Katzen grau?

Böser Kater! Kaum erwacht, schon wieder auf der Jagd?

Sie wollte ihm die Hand reichen und die seine an ihre Lippen führen. Mut wollte sie ihm machen, denn bei allem Selbstbewusstsein, dass er an den Tag legte, war er ihr gegenüber sehr darauf bedacht, sie nicht zu verletzen. Wenn sie ihm nur ein kleines Zeichen gab, dass er ihr Herz doch schon längst erobert hatte... Als Julia die Augen öffnet, um in die von Markus zu schauen, ist dort nur ein leerer Platz an ihrer Seite. Sie braucht einige Sekunden, um zu begreifen, dass sie wirklich alleine ist. Alles war so selbstverständlich gewesen. Dass Markus bei ihr gewesen war, hatte sich so intensiv angefühlt, dass sie ihn auch jetzt noch zu spüren glaubte. Doch nun war er fort!? Selbst als sie langsam zu sich kommt und ihr klar wird, dass alles nur ein Traum gewesen sein musste, verlässt sie das freudige Gefühl in keiner Weise. Sie erinnerte sich plötzlich, mit welchen irritierenden und trotzdem wundervollen Visionen sie am Abend zuvor ins Bett gegangen war und gesteht sich ein, dass dieser Traum ihre tiefsten Gefühle und Gedanken an die Oberfläche ihres Bewusstseins gespült haben musste. Markus war ja nicht wirklich fort, sondern er blieb nach wie vor erreichbar für sie. Nur waren sie sich leider noch nicht so nahe gekommen, wie sie es sich in ihren geheimsten Träumen wünschte. Doch sie wusste nun genau, dass es für sie keine Hindernisse geben würde, diesen eleganten Mann an sich zu binden.

Zitronen zum Frühstück! Oder doch Melonen!?

Appetit kommt beim Essen! Weiß das hungrig’ Herz.

So gab es an diesem Morgen keine Verzögerung wie am Tag zuvor. Die Geschichte von Vanessa und ihrem heimlichen Verehrer musste – so verlockend sie auch war – noch etwas warten. Julias eigenes Leben war nun auf einmal um Längen spannender geworden als zuvor, und sie wollte keine Minute davon vergeuden. Den Traum der letzten Nacht, so schön und intensiv, würde sie nicht als puren Traum in Erinnerung behalten wollen, sondern er sollte Realität werden ! Dessen war sie sich mehr als sicher. Und sie würde sich überlegen müssen, wie sie das geschickt anstellte. Denn mit der Tür ins Haus zu fallen, war einerseits nicht ihre Art und andererseits, wenn sie ›richtig‹ geträumt hatte, würde Markus eher ein Kennenlernen in Ruhe und Ehrlichkeit vorziehen. Nichts desto trotz mussten einige Vorbereitungen getroffen werden und die benötigten auch ihre Zeit. Am besten, sie startete erst einmal mit einem intensiven Garderoben-Check, und dafür würde sie auf eine entsprechende Hilfestellung ihrer besten Freundin Maike nicht verzichten können. Die hatte in so einigen Facetten des Lebens denn doch noch ein wenig mehr praktische Erfahrung. Also als erstes ein richtiges Freundinnen-Telefonat vom Bett aus, es gab Pläne zu schmieden und viel zu berichten. Nicht nur vom wahren Leben sondern auch von den wundervollen und unvergesslichen Sommernachtsträumen.